Achtsamkeit

  • Wir streben nach Schönheit, übersehen aber die Blume am Strassenrand.
  • Wir wollen hoch hinaus, wollen Erfolg, überhören aber ein einfaches Lob, wenn es ausgesprochen wird.
  • Wir streben nach Auszeichnungen, träumen von grossen Lobesreden, übersehen dabe das dankbare Lächeln eines Kindes.
  • Wir schauen zum Gipfel, sehen ihn als erstrebtes Ziel, und trampeln auf dem Weg dahin achtlos über Blumen, Gräser, durch Wälder und Dörfer.

Wir sehen, was wir alles wollen und nicht haben, jammern über all die verpassten Chancen und nicht zu erreichenden Ziele. Wir sehen, dass wir nur einen Bruchteil von allem haben, was es gibt, und übersehen dabei, was wir alles schon haben, das sogar richtig gut und wertvoll ist. Wir ignorieren, was wir schon geschafft haben, weil wir zu sehr damit beschäftigt sind, zu sehen, was wir noch wollen – oder denken zu müssen.

Was wir dabei übersehen: Wie privilegiert wir sind, uns diese Gedanken überhaupt machen zu können. Aber: Wir gehen mit dem Puls der Zeit:

Schneller, grösser, besser, mehr von allem.

Das Leben muss perfekt sein und wir an der Spitze stehen. Was uns das bringt, hinterfragen wir selten, wenn doch, fallen uns genügend sachliche Gründe ein, wieso es immer besser ist, mehr zu haben als weniger. Der naheliegenste: Andere haben es auch, wieso nicht wir selber? Wieso nicht alles haben wollen, was man haben könnte? Wieso sich mit weniger zufrieden geben (müssen), wenn mehr möglich sein könnte?

Würden wir genau hinsehen, wüssten wir, wie viel mehr wir schon hätten,

  • wenn wir die Blume am Wegesrand wahrnehmen und uns an ihr erfreuen könnten.
  • wenn wir das Lob hören würden, dass jemand aus Überzeugung spricht, und uns daran freuten.
  • wenn wir das dankbare Lächeln sehen und unser Herz sich erwärmte.
  • wenn wir achtsam durch kleine Strässchen und durch Wälder streiften und auf dem Gipfel einen ganzen Rucksack von Erfahrungen, Erlebnissen, Freuden dabei hätten. (Und selbst wenn wir den Gipfel nicht erreichten, könnte uns niemand den Weg dahin nehmen.)

Wir würden all das sehen, was wir haben, was gut ist in unserem Leben, und könnten uns daran freuen. Wir brauchten nicht mal viel für all das, nur ein wenig Achtsamkeit für das, was ist. Das bewusste Wahrnehmen des Hier und Jetzt statt des kopflosen Strebens nach dem, von dem wir uns vorstellen, dass es sein sollte.

Wie schön wäre es, wenn endlich Ruhe wäre? Wenn wir nicht mehr erreichen müssten, wenn wir nicht mehr uns vergleichen und dann AUCH haben müssten. Wenn wir die Achtsamkeit pflegen könnten und merkten: Endlich Ruhe. Und dann käme das zum Tragen, was schon Konfuzius sagte:

In der Ruhe liegt die Kraft

Diese Kraft haben wir nicht mehr, da wir nicht zur Ruhe kommen. Wir sind ständig getrieben vom Streben nach mehr. Wir sind getrieben von Agenden, Zeitplänen, Forderungen von aussen und innen. Wir hören die innere Stimme, die sagt, dass wir unmöglich ruhen können, solange noch mehr möglich wäre. Wir gehorchen unseren Ängsten, die unken, dass wir untergehen, wenn wir nicht über unsere Kräfte und Grenzen hinausgehen. Wir haben tief in uns die Stimmen all derer aus der Vergangenheit, die Böses voraussagten, wenn wir nicht alles täten, was irgendwie möglich wäre (und sogar das Unmögliche versuchten). Und wir rennen in unserem Hamsterrad und versuchen zu erreichen, was von irgendjemandem als wert zu erreichen propagiert wird oder wurde.

Wir werden nie alles erreichen, was irgendwer auf dieser Welt erreicht hat. Ganz vieles wollten wir wohl gar nicht, sähen wir es nicht und es würde uns als ach so erstrebenswert propagiert. Und nach ganz vielem streben wir nur, weil wir es  aufgrund unserer Kultur, Erfahrungen, Prägungen und Muster als erreichenswert erachten. Das ist weit entfernt von einer objektiven Begründung, aber tief verwurzelt.

Schon Sokrates sagte:

Erkenne dich selbst.

Yoga gibt uns Mittel, dies zu tun, quer durch alle Schichten unseres Daseins (Koshas). Ziel ist es, unseren Geist zu erkennen, zu erkennen, wie er funktioniert und worauf unser Handeln und Streben gründet. Wenn wir das erkannt haben, sehen wir auch, dass es genau dieses Streben ist, das uns wirkliches Leid bringt.

Dieses Leid liegt nicht darin begründet, dass wir nicht Millionen auf dem Konto haben, erfolgreiche Manager sind oder Modelmasse besitzen. Das Leid liegt darin, dass wir uns mit ganz vielen anderen vergleichen und uns selber dabei verlieren. Wir hoffen, endlich gut zu sein, wenn wir wären, wie andere sind. Dass wir nur sehen, was diese uns nach aussen preisgeben, blenden wir gerne aus. Wir wollen in ihnen sehen, was uns bei uns fehlt.

Wir werden nie jemand anders sein. Und: Jeder andere ist genauso Mensch wie wir selber. Und jeder (!) hat mit sich zu kämpfen. Zudem: Nur weil einer etwas tut oder hat und es ihm dabei gut geht, heisst nicht, dass das bei uns ebenso sein würde. In der Bhagavad Gita steht sogar sinngemäss, dass es besser ist, das, was einem selber bestimmt ist, wenig erfolgreich zu leben, als das Leben eines anderen zu leben (Dharma).

Es bringt nichts, ständig etwas nachzurennen. Das heisst nicht, dass wir keine Ziele im Leben haben sollen, aber: Wenn wir nie sehen, was wir schon haben, wird alles, was wir erreichen, das nicht ändern, weil es auf dieser Welt so vieles gibt, was man auch noch erreichen könnte. Und erst, wenn wir das erkannt haben, kann Ruhe einkehren – und das Hamsterrad kann anhalten. Aus dieser Ruhe heraus finden wir dann auch die Kraft, die Ziele zu erreichen, die wirklich unsere sind – und werden so zu dem, der wir sind und sein können. Wir sind das Original, keine Kopie.

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3 Kommentare zu „Achtsamkeit

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