Kraft tanken

Wenn ich an meine Grossmutter zurückdenke, sehe ich eine sehr lebenstüchtige, altersweise (sie war schon Mitte 70, als ich sie bewusst wahrnahm) und pragmatisch – immer mit dem Schalk im Nacken und ganz viel Humor. Gott und Religion war in unserer ganzen Familie nie ein Thema, auf dem Papier waren wir alle reformiert, aber wir lebten den Glauben nicht (zumindest nicht öffentlich). Umso mehr erstaunte es mich, dass meine Grossmutter oft am Sonntag in die Kirche ging. Eines Tages fragte ich sie, wieso sie das tue. Ihre Antwort?

Ich gehe nicht in die Kirche, weil mir da jemand etwas von der Kanzel herunter predigt. Ich gehe dahin, setze mich auf die Bank und weiss, dass ich nun eine Zeit lang Ruhe für mich habe, über mich und das Leben nach zu denken. Das gibt mir Kraft für die nächste Woche.

Nun hätte sie das natürlich überall machen können. Eine einsame Bank irgendwo wäre noch ruhiger gewesen, da keiner predigt und niemand links und rechts sitzt. Aber für sie musste es die Kirche sein. Ich denke, dass da doch mehr dahinter steckte. Dass da eine Verbindung spürbar war zu etwas Grösserem, wie auch immer geartet.

Für meine Grossmutter war die Kirche ein Kraftort. Sie war ein Ort, an dem sie auftanken konnte für sich und für das Leben, das bevorstand. Es gibt verschiedene Kraftorte. Für den einen sind es die Berge, der andere wiederum findet Kraft bei Bäumen oder am See. Mein wichtigster Kraftort ist die Yogamatte. Egal, wie müde ich bin – körperlich oder geistig -, meine Zeit auf der Matte ist mir heilig. Die Zeit auf der Matte gehört nur mir. Sie wirft mich auf mich zurück, lässt mich atmen, lässt mich spüren. Mein Körper zeigt mir tagtäglich, wo ich stehe, wo meine Grenzen sind, womit ich auch kämpfe. Ich muss nur hinsehen.

Ich bin dankbar für diesen Ort. Ich bin dankbar dafür, die Möglichkeit zu haben, Zeit für mich zu haben, mir die nehmen zu können. Und ich bin dankbar für all die Erkenntnisse, mit denen ich von der Matte steige. Und nicht zuletzt bin ich dankbar für das Gefühl des Friedens, das sich nach dieser Aus-Zeit ausbreitet in mir.

Das Schöne an der Yogamatte ist, dass man sie überall ausbreiten kann. Und manchmal muss es nicht mal eine Matte sein, es reicht schon ein Stück Boden und die Bereitschaft, sich die Zeit für sich zu nehmen.

Was ist dein Kraftort? Wo und wie tankst du wieder auf, wenn die Batterien leer sind?

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