Yin Yoga – Neuer Trend oder zurück zu den Wurzeln?

Schaut man auf die Geschichte, die der Yoga in unseren Breitengraden durchmachte, sieht man eine grosse Entwicklung. Verstand man unter Yoga am Anfang hauptsächlich ruhige, statische Stellungen, standen Ruhe und Einkehr im Mittelpunkt, wurden die Stile immer kraftvoller und dynamischer. Schwitzen und sich auspowern waren keine Gegensätze zu den meditativen Ansprüchen, man förderte und forderte das Yang-Element (siehe Kasten), setzte auf Energie. Dann kam Yin Yoga. Ruhe kehrte zurück in den Yogaraum. Die Hektik des Alltags sollte mit ruhigen und sanften Abläufen ausgeglichen werden. Ist der Yoga damit wieder zum Anfang zurückgekehrt, wie die Kleidermode, welche alle paar Jahre die alten Trends wieder hervorholt? Ja und nein.

Geschichte des Yin Yoga
Als Erfinder des Yin Yoga gilt Paul Grilley. Selber im Yang orientierten Ashtanga und Bikram Yoga zu Hause, stiess er eines Tages beim Fernsehen auf Paulie Zink, bewunderte dessen Flexibilität und wurde sein Schüler. Daneben bildete er sich bei Dr. Hiroshi Motoyama im Bereich der Meridiane weiter und erkannte den Zusammenhang zwischen den Meridianen und Asanas aus dem Yoga. Paul Grilley entwickelte in der Folge ein System, in welchem er Anatomiekenntnisse, Taoistischen Yoga und Meridiane verband – Yin Yoga war entstanden.

Was ist Yin Yoga?
Yin Yoga führt weg von den dynamischen, von Kriegern und Hunden dominierten Yogastunden hin zu ruhigen, gehaltenen Stellungen. Anstrengende Asanas findet man ebenso wenig wie Sonnengrüsse. Die einzelnen Stellungen werden möglichst passiv gehalten, Entspannung soll sich im Körper und im Geist ausbreiten. Gefordert und gefördert wird die Geduld und die Bereitschaft, sich einzulassen, loszulassen und auch, die eigenen Grenzen zu erspüren und mit ihnen zu spielen. Das ganze System Mensch kann runterfahren und damit auch wieder Kraftreserven auffüllen, die in der fordernden Hektik des Alltags oft über Gebühr geleert werden.

Körper, Geist und Energiehaushalt
Die Wirkung zeigt sich auf körperlicher, geistiger und auch energetischer Ebene. Auf der energetischen Ebene spielen die Leitbahnen im Körper eine wichtige Rolle. Die Traditionelle Chinesische Medizin (TCM) kennt sie als Meridiane (siehe Kasten), Ayurveda als Nadis. Durch diese Leitbahnen soll die Energie (das Chi) fliessen und dadurch wichtige Organe und Lebensfunktionen speisen. Unsere Verdauung, Emotionen, der Blutkreislauf und die Atmung – alle werden durch diese Energie gesteuert und auch reguliert, indem Störungen und Ungleichgewichte ausgeglichen, Blockaden gelöst werden können.
Beim Einnehmen und Halten einzelner Stellungen wird der Energiefluss in den Bahnen verändert, was Einfluss auf die ihnen zugeordneten Organe und das damit verbundene Bindegewebe (Faszien) hat. Während der Energiefluss in der einzelnen Stellung teilweise gestaut wird, kann er nach der Auflösung der Stellung freier fliessen, als ob sich durch das Halten ein Damm aufgelöst hätte, der vorher den Fluss blockiert hatte. Ziel einer Yin Yoga Stunde ist es also – unter anderem –, sämtliche Leitungen durchzuspülen und damit die Energie wieder frei strömen zu lassen.

Die sehr ruhige Form des Yin Yoga hilft vor allem auch Stressgeplagten, zur Ruhe zu kommen. Durch das sanfte Üben wird der Parasympathikus aktiviert, welcher der Teil des Nervensystems ist, der für Ruhe und Entspannung zuständig ist. Es kommt zu einer Hormonausschüttung, welche auch nach dem Üben nachwirkt und unter anderem gegen Ängste, Druck, Depressionen und sogar Schmerzen wirksam ist. Zudem werden Stresshormone verringert.

Yin Yoga hat aber noch weitere positive Wirkungen: Er wirkt auf die Faszien, die heutzutage in aller Munde sind (siehe Kasten). Dem lange vernachlässigten Bindegewebe im Körper, wurde in der jüngeren Geschichte mehr Aufmerksamkeit geschenkt, weil man herausgefunden hatte, wie viel von gesunden und elastischen Faszien für die Gesundheit und das Wohlbefinden abhängt. Durch die lange und passiv gehaltene Stellung im Yin Yoga werden die Faszien angesprochen. Es kommt zu einem verbesserten Stoffwechsel und die verklebten Fasern können sich wieder lösen, das Gewebe wird gleitfähiger, so dass Beweglichkeit und auch Stabilität erhalten oder erreicht werden können. Wichtig ist, beide Funktionen des Gewebes im Auge zu behalten, da nur ihr Gleichgewicht wirkliches Wohlbefinden zur Folge hat.

Yin Yoga in der Praxis
Die Asanas des Yin Yoga werden meist im Sitzen oder Liegen ausgeführt. Hilfsmittel wie Blöcke, Bolster und Gürte sind dabei oft und gerne im Einsatz, um auch wirklich in genau die Stellung zu kommen, die für den eigenen Körper geeignet ist und hilft, alles loszulassen, nichts mehr halten oder anstrengen zu müssen. Was auffällt ist, dass viele Asanas aussehen wie die im „normalen“ Hatha Yoga, dabei aber andere Namen haben: Die Taube wird zum Schwan, Das Kuhgesicht zum Schnürsenkel. Grund dafür ist, dass die Übenden nicht verleitet werden sollen, die Stellungen auf Yang-Art einzunehmen, sondern sich im Stile des Ying hineingeben können.

Viele Yogastudios in der Schweiz haben den neuen Trend erkannt und bieten Stunden an. Die gutbesuchten Stunden sind ein Beweis dafür, dass wir den Ausgleich dringend brauchen.

Als Fazit kann man wohl sagen, dass es im Yin Yoga darum geht, loszulassen. Im Körper passiert das, indem man keine Muskeln anstrengt, sondern sich in die Entspannung hineingleiten lässt. Durch das lange Halten breitet sich die Ruhe im Geist aus. Nichts, was passiert, soll angestrebt werden, sondern zugelassen. Yin Yoga ist der Platz, wo wir niemandem mehr etwas beweisen müssen, in keinem Wettkampf stehen, nichts erreichen müssen, sondern sein können.

 

Weiterführende Erklärungen:

  • Faszien
    Faszien sind ein körperumfassendes Gewebe, welches dem Körper seine Form gibt, indem es alle Organe, Knochen und Muskeln umhüllt und zusammenhält. Sie bestehen aus Wasser und Proteinen, welche Kollagen und Elastin hervorbringen und somit für Stabilität und Elastizität sorgen. Gesunde Faszien sind geschmeidig und gleitfähig, ein schmerzfreier und ungehinderter Bewegungsablauf ist möglich. Mangelnde Bewegung, aber auch Stress und negative Emotionen führen zur Verfilzung und Verklebung dieses Gewebes, was Schmerzen und Bewegungseinschränkungen zur Folge hat.
  • Meridiane
    Meridiane sind nach TCM Leitbahnen, in denen die Lebensenergie (Chi, Qi) fliesst. Es gibt 12 Hauptleitbahnen (wobei die Zahl in unterschiedlichen Systemen variiert), welche wiederum einem Organsystem zugeordnet sind. Neben den Organen (Speicherorgane wie Darm, Lunge, Leber, Milz, etc.) sind die einzelnen Meridiane auch mit Sinnesorganen, Emotionen, Körpergewebe und Elementen verbunden. 6 Meridiane sind Yin zugeordnet, 6 Yang.
  • Yin und Yang
    Die Begriffe Yin und Yang stammen aus der chinesischen Philosophie, aus dem Daoismus. Sie bezeichnen zwei entgegengesetzte Kräfte, die aber doch aufeinander bezogen sind und gemeinsam ein Ganzes ausmachen. Im Yin ist immer auch ein Anteil Yang enthalten und umgekehrt. Erst, wenn beide Kräfte im Gleichgewicht sind, herrscht im Ganzen Harmonie. Den beiden Kräften sind Eigenschaften zugeordnet:
    Yin: Passivität, Kälte, Entspannung, Stille, Ruhe, Weichheit, Leer, Innen, etc.
    Yang: Aktivität, Wärme, Fülle, Aussen, Härte, Schnelligkeit, etc.

(Der hier etwas gekürzte Artikel erschien im Yogamagazin Schweiz)

 

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