Ich bin mein Freund

Kürzlich erinnerte ich mich an die Freundschaftsbändchen, die wir früher geknüpft und gezwirbelt haben. Wir drückten damit aus, dass wir jemanden mögen, dass wir sein Freund sind. Eine schöne Geste, wie ich finde. Ich beschloss, ein solches Band zu machen. Für wen? Für mich. Ich fand, ich könnte einen Freund brauchen, denn:

Immer wieder ertappe ich mich dabei, wie ich mit mir schimpfe. Die Gründe dafür sind vielfältig: Etwas klappt nicht, wie ich es gerne hätte, das Leben nimmt einen anderen Lauf, als geplant, ich erfülle meine eigenen Erwartungen nicht. Die Liste könnte endlos weiter gehen. Mit keinem anderen würde ich so hart ins Gericht gehen, wie mit mir, schon gar nicht mit einem Freund. Vielleicht würde ich den sogar trösten, ihn aufbauen. Das machte ich mit mir kaum je, ich war oft gnadenlos.

Ich schelte mich nicht nur für den aktuellen Fehler, nein, ich packe gleich viele vorhergehende drauf, verallgemeinere die Misere und stemple mich ab. Die Worte, innerlich gesprochen, sind wenig feinfühlend, schon gar nicht zurückhaltend, nein: Sie treffen direkt in die Eingeweide. Ich gebe mir deutlich zu verstehen: Ich genüge (mir) nicht. Ich habe versagt.

Klar ist nicht immer alles toll, es gelingt auch nicht immer alles. Bei einigem hat man das Gelingen nicht mal selber in der Hand und schilt sich trotzdem. Nur: Wie soll aus einer solchen inneren Haltung etwas Gutes entstehen? Worauf soll es fussen, woraus sich nähren? Statt sich aufzubauen, Boden zu schaffen, auf dem etwas entstehen kann, tritt man nochmals nach. Wäre es nicht besser, sich liebevoll selber zu umarmen und darauf zu vertrauen, dass alles einen Sinn hat? Wäre es nicht besser, sich zuzugestehen, dass man sein Bestes gegeben hat, mehr einfach nicht ging? Wäre es nicht besser, darauf zu vertrauen, dass es gut kommt, dass es kommt, wie es soll. frei nach dem Motto:

Am Ende wird alles gut. Und ist es noch nicht gut, ist es noch nicht das Ende.

Ich bin nicht perfekt, ich kann vieles nicht, weiss vieles nicht und das Leben nimmt oft einen Lauf, wie ich ihn vielleicht nicht geplant hätte – oder ich habe nicht mal einen Plan. Das ist schlimm genug, da brauche ich nicht noch innere Tiraden, die mich in eine Abwärtsspirale befördern. Was ich brauche, ist ein Freund. Und der möchte ich mir sein. Schliesslich bin ich quasi mit mir verheiratet, so bis der Tod uns scheidet. Und – wie heisst es so schön:

In guten wie in schlechten Tagen.

Gerade in den etwas dunkleren Tagen ist es wichtig, Licht ins Dunkel zu bringen und nicht noch mehr Fenster zu verschliessen. Gerade, wenn nicht alles läuft wie geplant, ist es wichtig, an das Gute zu glauben, an sich selber zu glauben, und: Darauf zu vertrauen, dass alles kommt, so kommt, wie es muss. Das heisst nicht, dass man die Dinge einfach schleifen lassen soll und nichts mehr tun muss, aber: Wenn man sein Bestes gibt, hat man alles getan, was möglich war. Mehr liegt nicht drin. Wenn dann etwas doch nicht klappt, wie gewünscht, dann muss man neue Wege suchen. Vielleicht versteht man irgendwann später, wozu es gut war. Wie sagte schon Goethe:

Manches können wir nicht verstehen. Lebt nur fort, es wird schon gehen.

 

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