Das Leben als Reise

Kürzlich habe ich mich aufgeregt. So richtig. Ich hätte schimpfen und toben können, mir fiel immer noch mehr ein, das ich am liebsten in die Welt geschrien hätte. Ich hielt mich zwar zurück, aber das eine oder andere Schnauben entwich mir doch (und vielleicht ein bisschen mehr). Ein Bekannter fragte mich daraufhin süffisant (wobei es weniger eine Frage, als eher ein sarkastischer Kommentar war):

„Ich dachte, Yoga mache gelassen?“

Meine Antwort war kurz und knapp:

„Du hast mich vor dem Yoga nicht gekannt…:“

Ihm hatte ich den Wind aus den Segeln genommen, bei mir selber fingen die Gedanken zu drehen an: Wo waren nun Gleichmut und Gelassenheit? Wo das Nicht-Anhaften, die Nicht-Identifikation, von denen ich immer und immer wieder gelesen und auch ab und an gesprochen hatte? Eigentlich wusste ich es, in der Theorie war es so einleuchtend: Was da passiert ist, hat nichts mit mir im wirklichen Sinne zu tun. Auch bin ich nicht meine Wut, mein Ego ist wütend, das, was ich mir aus Rollen und Bildern selber zurechtgebaut habe, um in dieser Welt zu leben. Und weil diese Welt nun nicht so lief, wie das Ego sie gerne hätte, tobte es.

Und doch: In dem Moment nahm ich es persönlich, ich lebte die Wut, ich schien förmlich nur noch aus Wut zu bestehen. Und ich fragte mich:

Bin ich ein schlechter Yogi? Ist es doch nur Mattenturnen statt Einkehr und Einsicht?

Damit war ich gleich in Falle zwei geraten: Ich fing an, mich zu beurteilen und zu bewerten. Statt zu sehen, wie ich reagiert habe, es anzunehmen als meine Reaktion in dem Moment aus der Situation heraus, es auch zu hinterfragen und daraus zu lernen, um dann weiterzugehen, liess ich es im Kopf drehen, schimpfte nun nicht nur auf das, was passiert war, sondern auch noch über mich, weil ich so darauf reagiert hatte. Hier schaffte ich, das ganze Verhaltensmuster zu bremsen:

Ich habe mich hingesetzt und ein paarmal tief ein- und ausgeatmet. Das hat nicht die Situation geändert, über die ich mich aufgeregt hatte. Es hat auch mein Verhalten darauf nicht rückgängig gemacht. Aber: Es hat mir ein bisschen Ruhe zurückgebracht. Ich war sicher noch kein friedlich lächelnder Dalai Lama, aber ich war auch kein tobendes Rumpelstilzchen mehr. Ich sah, dass die Situation wirklich schwierig, dass mein erster Ausbruch voller Emotionen und wenig angemessen war. Ich sah auch, dass ich selber sehr schnell erkannt hatte, in welches Muster ich geraten war, dass ich es unterbrechen konnte – und: dass ich es geschafft hatte, zur Ruhe kommen.

Ich bin nicht erleuchtet. Ich bin auch nicht der Superyogi. Ich bin auf meinem Weg. Und es ist ein guter Weg. Ich muss nicht perfekt sein. Ich bin, wie ich bin. Und das ist gut. Und morgen bin ich anders. Auch das wird gut sein. Und so geht die Reise fort.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s