Was muss ich tun?

Wir wissen es wohl alle: Der Alltag ist stressig, er fordert uns viel ab, die Zeit ist knapp und meist gut gefüllt. Ein Termin jagt den anderen, wir kommen kaum hinterher, versuchen aber, Schritt zu halten mit all den Pflichten, die wir erfüllen, Erwartungen, denen wir genügen sollen, wollen, müssen. Ab und an meldet sich vielleicht eine leise Stimme und sagt:

Ich bin müde.

Wir überhören sie, denn schlussendlich ist es, wie es ist, was getan werden muss, muss getan werden. Vielleicht meldet sich die Stimme auch mal lauter, findet

Ich mag nicht mehr.

Wird fassbarer, wenn sie immer noch ignoriert wird, indem sie den Körper einspannt und ihm mal ein paar Wehwehchen verordnet, in der Hoffnung, auf Gehör zu stossen. Da hat sie die Rechnung ohne den Wirt gemacht: Wir laufen weiter in unserem Hamsterrad, rennen Terminen nach und erfüllen unsere Pflicht. Müssen wir ja, wollen ja was erreichen.Wie heisst es so schön:

Ohne Fleiss kein Preis.

Und wir wollen ihn, den Preis. Wir wollen all die schönen Dinge, die uns glücklich machen – und merken oft gar nicht, dass es verdammt lange her ist, dass wir wirklich glücklich waren. Trotz all der Dinge. Weil wir schlicht müde sind. Und vor lauter Rennen kaum zum fühlen und glücklich sein kommen.

Was treibt uns wirklich an? Und wer? Wo setzen wir uns selber unter Druck? Und wieso? Ich habe kürzlich eine App runtergeladen, mit der man meditieren kann. Man kann dies frei mit einem Timer oder aber mit einer geführten Meditation machen. Ich meditierte also einige Tage mit der App und immer hiess es, wie viele Tage in einer Reihe ich schon meditiert hätte. Nun meditiere ich eigentlich jeden Tag, aber hier wurde mir das aufgezeigt.

Als ich an einem Tag ohne die App meditiert hatte, fühlte ich eine Unruhe in mir. Ich sagte mir, ich müsse dringend noch mit der App meditieren, da es sonst nicht mehr hiesse, dass ich alle Tage in Folge meditiert hätte. Und in dem Moment ging mir auf, unter welchen Druck ich mich wegen einer solchen Banalität setzte. Und ich merkte, dass dies nicht nur hier der Fall war, das Gleiche passierte auch auf anderen Ebenen. Immer hatte ich den Drang, genügen zu müssen, gut zu sein (wobei gut nicht gut genug war, es musste immer noch besser werden).

Und so wurde ich zu meinem eigenen Sklaven, da ich mir die Pflichten selber auferlegte und mich ebenfalls selber dahin peitschte. Immer im Rad, immer den Terminen, Anforderungen, Erwartungen hinterher, die ich jemandem zuschrieb, die aber tief innen von mir selber kamen. Wozu? Sicher zu nichts wirklich Gutem.

Instagram wird nicht zusammenbrechen, wenn mal kein Bild da steht. Facebook ruft nicht den Notstand aus, wenn mal nichts kommt. Es bricht keine Epidemie aus, nur weil der Boden mal nicht gewienert wurde und der Ehemann kommt nicht um, wenn er kein Essen gekocht kriegt, sondern sich mal selber an den Herd stellen muss. Auch Kinder verwahrlosen nicht, nur weil man nicht auf Pfiff ständig bei Fuss steht und der Hund geht auch am Nachmittag noch laufen, man muss das nicht unter Stress in einen sonst schon vollen Morgen packen.

Ich bin wahrlich kein Freund von Laisser-Faire, bin Perfektionist ersten Grades und leide drunter. Aber ich plädiere ganz stark dazu, fünfe mal grad sein zu lassen. Wenn wir ständig nur anderen genügen wollen, unsere Anforderungen an uns selber so hoch schrauben, dass uns förmlich der Schnauf ausgeht, wird das nie an einen guten Ort führen. Gut, vielleicht schaffen wir es sogar zu materiellem Erfolg oder der ach so ersehnten Bestätigung von aussen. Und dann?

Es wäre naiv zu hoffen, dass die Bestätigung, einmal erreicht, einfach so bliebe. Wir müssen dran bleiben. Mehr liefern. Und schon sind wir drin im Hamsterrad, aus dem es kaum ein Entrinnen gibt. Es sei denn, wir schauen mal hin, hören auf die inneren Stimmen, und halten es an. Und dann wären wir frei. Nicht frei von allen Pflichten in diesem Leben, denn es gibt immer Dinge, die man machen muss, weil man in diesem Leben schlicht in Rollen steckt und diese auch ausfüllen soll, weil man sich dazu ver-pflicht-et hat. In dem Fall ist es gut und richtig, seine Aufgabe zu erfüllen und das gut zu tun. Aber: Wir müssen uns nicht selber versklaven für eine kurzfristige Bestätigung, die nichts mehr bringt als ein kurzes Hoch und ein langes Strampeln im Hamsterrad.

Advertisements

Ein Kommentar zu „Was muss ich tun?

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s