Loslassen: Perfekt zu sein, wäre eigentlich schade!

Ich unterrichte nun seit vielen Jahren Yoga. Yoga ist mein Leben, er findet nicht nur auf der Matte statt, er geht tiefer. Vor einiger Zeit entschloss ich mich, eine neue Lehrerausbildung zu machen: Aerial Yoga. Zum Zeitpunkt des Entschlusses war ich noch nicht so sicher, was ich von dem Ganzen halte, fand es aber auf alle Fälle witzig und sah genug Positives, das durchzuziehen.

Ich schloss die Ausbildung erfolgreich ab, schlug damit meiner (wirklich sehr extremen) Prüfungsangst ein Schnippchen und war nun also Aerial Yoga Lehrerin – allerdings ohne entsprechende Klasse. Das war nicht mal so tragisch, da ich aktuell sowieso genug um die Ohren hatte. Dann kam irgendwann der Anruf: „Kannst du einspringen? Unsere Lehrerin ist ausgefallen.“ Ich fragte: „Wann?“ Die Antwort kam prompt: „In 40 Minuten.“ Ich hing seit der Ausbildung einmal kurz im Tuch, hatte nichts vorbereitet. Ich sagte zu, weil ich die Anruferin nicht hängen lassen wollte, hätte mich innerlich gleich dafür ohrfeigen können. In meinem Kopf drehte alles, was drehen kann: Das kannst du nicht, wieso hast du nur, du wirst versagen, du wirst da stehen und keine Ahnung haben. Das wird dein Untergang.

Mit diesen Stimmen im Ohr raste ich los, kam an, stürmte in den Raum, die Schüler waren teilweise schon da und warteten. Da war alles dabei: Vom blutigen Anfänger bis zum erfahrenen Flieger. Klar: Wenn schon, denn schon. Half nichts, ich war da, es ging los. Und es ging gut. Es war eine wunderbare Stunde, die Flugschüler gingen mit strahlenden Augen und einem grossen Dankeschön auf den Lippen aus der Stunde. Und ich schimpfte mit mir. Meine Angst, nicht perfekt zu sein, hatte mir (wieder einmal) unnötig viel Unruhe und Unsicherheit verschafft.

Wie oft erwarten wir von uns, perfekt zu sein, alles zu können, bloss keinen Fehler zu machen? Wir malen uns im Vorfeld schon aus, was wäre, wenn wir einen (wenn auch nur klitzekleinen) Fehler machten, und sehen die anderen über uns urteilen – oder gar triumphieren. Wieso eigentlich? Verurteilen wir alle anderen auch, nur, weil sie einmal nicht perfekt sind?

Einer meiner wirklich tollsten Yogalehrer, die ich je hatte, vergisst ab und an, was er machen wollte, oder entscheidet kurzfristig um. Er vergisst auch mal die zweite Seite, will weiter gehen und wird von seinen Schülern erinnert. Macht ihn das zu einem schlechten Lehrer? NEIN! Ich habe bei ihm nach xx Jahren Yoga gerade auch bei Lieblingsstellungen, die ich in all meinen Jahren täglich machte, Neues gelernt, was mich die Stellung völlig neu erfahren liess. Ich achte ihn für sein Wissen, seine Erfahrung, sein Feingefühl, empfinde die kleinen Vergesslichkeiten (ich möchte sie nicht mal Fehler nennen) als menschlich. Würden sie mir passieren, würde ich sie verurteilen.

Wie oft streben wir nach Perfektion und machen uns genau durch dieses Streben das Leben unnötig schwer? Wer ist schon perfekt? Erwarten wir von anderen Perfektion? Wieso? Weil wir selber denken, perfekt sein zu müssen? Oder schätzen wir die Unperfektheiten anderer genau aus dem Grund, weil wir versuchen, für uns die Rechtfertigung für die eigenen kleinen Fehler abzuleiten? So oder so: Niemand ist perfekt. Und das ist gut. Es gibt auch nicht die perfekte Asana. Man kann jeden Tag wieder etwas Neues über jede einzelne Stellung erfahren. Das ist ja genau das Wunderbare: Wir sind immer auf dem Weg und können jeden Tag Neues lernen. Das fiele weg, wären wir perfekt. Und wenn man sich mal an das Gefühl erinnert, das eintritt, wenn man etwas Neues gelernt oder erfahren hat, dann weiss man eigentlich: Es wäre jammerschade, das nie mehr haben zu dürfen. Also lassen wir ihn doch los, diesen unnötigen Druck, perfekt sein zu wollen – oder zu denken, es sein zu müssen.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s