1.1 atha yoga anusasanam

Patanjalis Yoga Sutras, Sutra 1.1

Jetzt beginnt die Einführung in den Yoga 

Jetzt beginnt die Einführung in den Yoga. So könnte die wörtliche Übersetzung des ersten Sutras heissen. Es klingt wie ein normaler, einfacher Einleitungssatz in ein Buch über den Yoga, doch es steckt mehr in diesem kleinen Satz – eigentlich enthält er alles, was in den darauffolgenden 195 Sutras kommen wird.

anusasanam bedeutet Erklärung, Einführung. In diesem Zusammenhang hier ist es die Einführung in den Yoga, eine Lehre, die weit zurück reicht, in die Jahre vor Patanjali, welcher diese Sutras aufgeschrieben hat. Es ist eine Lehre, die über Jahrhunderte von Lehrern an Studenten weitergegeben wurde, eine Lehre, die auf einer mündlichen Tradition bestand. Die hier vorliegenden Sutren sind kurz und eher allgemein gehalten. Sie eignen sich, darüber zu meditieren, sie auf sich wirken zu lassen. Auf diese Weise entwickeln sie eine Bedeutung in einem selber, die über das rationale Denken, das vom Ego geprägt ist, hinausgeht. Während das Ego von der Vergangenheit durchtränkt ist, sich aus eigenen Mustern, Gewohnheiten, Denkarten und Rollen zusammensetzt, ist das Selbst, der innere Zeuge, davon unbewegt, er ist der wahre Kern, der angesprochen wird und den wir durch unsere Auseinandersetzung mit dieser Lehre kennenlernen. Dabei ist eines immer wichtig: Yoga ist nie ein Dogma, es ist auch keine Bücherwissenschaft. In Büchern finden sich nur ungefähre Beschreibungen dessen, was gemeint ist, die Wirklichkeit kann man nur selber erfahren. Dazu muss man sich auf den Weg machen, sie zu ergründen.

atha bedeutet wörtlich übersetzt nun, hier, jetzt. Es beginnt also etwas, vor dem etwas anderes gewesen ist. atha bedeutet Anfang, damit immer auch Neu-Anfang. Das, was bisher war, soll aufhören, etwas Neues soll beginnen. Dieses Etwas ist Yoga – ein Weg, das Leben zu gehen, der den Menschen in seiner Essenz transformiert, ihn dabei von der Konzentration auf das Aussen zur Konzentration auf das Innen, zu sich selber bringt.

Jetzt beginnt die Einführung in den Yoga. Man würde den Satz wohl kaum lesen, würde man sich nicht auf den Yogaweg begeben wollen. Was hat einen dahin geführt? Wieso will man ihn beschreiten? Oft steht man an einem Punkt im Leben, an dem man zwar vieles gelernt, erfahren und erlebt hat, trotzdem nicht ganz zufrieden ist. Man leidet unter Schmerzen, die nicht besser werden, man fühlt sich müde, unausgeglichen, leidet unter Beziehungs- und anderen Problemen – die Möglichkeiten sind vielfältig. Vielleicht hat man schon einiges ausprobiert und sieht sich nun wie Goethes Faust damals im Studierzimmer:

Habe nun, ach! Philosophie,
Juristerei und Medizin,
Und leider auch Theologie
Durchaus studiert, mit heißem Bemühn.
Da steh ich nun, ich armer Tor!
Und bin so klug als wie zuvor;

Man sucht nach dem tieferen Sinn im Ganzen, nach der Lösung der eigenen Probleme, nach dem eigenen Platz in der Welt, vielleicht sogar im eigenen Leben. Meist ist Yoga nicht der erste Versuch. Es könnte der letzte sein. Goethes Faust liess sich auf einen Pakt mit dem Teufel ein, als nichts half, der Leser von Patanjalis Sutras hat es da besser: Ihm eröffnet sich eine Methode, die ihm hilft – sofern er sich darauf einlassen kann und will – Antworten auf Fragen zu finden, die ihn beschäftigen. Sie sind alle da, man muss sie nur ausgraben. Aus diesem Grund führt der Yogaweg nicht nach aussen, er führt nach innen.

Wer denkt, damit ein Kompaktkurs in Selbsheilung in der Hand zu haben, den perfekten Lebensratgeber kurz und knapp, dem sei gesagt: Es ist kein einfacher Weg. Und er ist schon gar nicht kurz. Die 196 Sutras bieten lediglich schriftliche Hinweise, was Yoga ist, worauf es ankommt auf dem Weg. Gehen muss man ihn dann selber.

Es ist ein Weg und er dauert. Er ist oft steinig, mit Hindernissen übersät. Ab und an sieht man sich vor Bergen, die man gerne überfliegen möchte, um dann zu merken: Es fehlen die Flügel, es hilft nur gutes Schuhwerk – und Geduld und Ausdauer. Was dann und wann auf dem Weg beschwerlich erscheint ist: Das Ziel lässt sich nicht beschreiben, es lässt sich nur erfahren. Man kann es nicht vorwegnehmen, man muss es sich erarbeiten.

Wer nun denkt, das klinge alles viel zu beschwerlich, dem sei gesagt: Er ist trotz allem wunderbar. Und schon der erste Schritt wird mit einem guten Gefühl belohnt. Jeder weitere Schritt wird die guten Gefühle mehren. Das beste an diesem Weg ist: Er kann jeden Tag beginnen. Sobald man sich für ihn entschliesst, ist man schon drauf. Man geht damit einen Weg, den schon viele Menschen über tausende Jahre vor einem gegangen sind. Sie bezeugen, dass es ein guter Weg ist, dass es ein Weg ist, der es wert ist, gegangen zu werden. Indem man sich ihnen anschliesst, wird man Teil eines Ganzen, aber das kann man nur werden, wenn man herausfindet, wer man selber wirklich ist. Tief drin.

Perfektion (im Yoga) erreicht man nicht, indem man so aussieht (wie ein Yogi) oder über Yoga spricht. Übung allein ist der Weg zum Erfolg. Und das ist ohne Zweifel die Wahrheit.

(Hathayoga-Pradipika 1.66)

atha: jetzt, nun; Beginn vieler Erklärungen
yoga: Vereinigung, Joch, hier auch: Einheit mir dir selber
anushasanam: Erklärung, Auslegung, hier: Einführung in die Erfahrung

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