1.2 yogaś-citta-vr̥tti-nirodhaḥ

Patanjalis Yoga Sutras, Sutra 1.2

  Im Zustand des Yoga kommen die Bewegungen des Geistes zur Ruhe.

 Yoga ist, wenn die Bewegungen des Geistes zur Ruhe kommen. Damit ist eigentlich alles gesagt, denn dies ist das höchste Ziel des Yoga (und vieler anderer, innerer Wege wie des Buddhismus, der christlichen Mystik, etc.).

Werde ganz leer, stille den ruhelosen Geist.
Erst dann wirst du alles sehen: wie es sich aus der Leere entfaltet, wie alle Dinge blühen und tanzen in endloser Vielfalt.
Schliesslich gehen sie wieder ein in die vollkommene Leere – ihre wahre Ruhestatt, ihre wahre Natur. (Laotse, Tao Te King)

Die Ruhe des Geistes als Glück beschreibt auch Hermann Hesse in seinem Gedicht:

Solange du nach dem Glücke jagst,
Bist du nicht reif zum Glückslichsein,
und wäre alles Liebste dein.

Solange du um Verlorenes klagst
Und Ziele hast und rastlos bist,
Wiesst du noch nicht, was Friede ist.

Erst wenn du jedem Wunsch entsagst,
Nicht Ziel mehr noch Begehren kennst,
Das Glück nicht mehr mit Namen nennst,

Dann reicht dir des Geschehens Flut
Nicht mehr ans Herz, und deine Seele ruht.[1]

Wir leben in einer Welt, die sich sehr an Äusserlichkeiten orientiert. Wir definieren uns und andere über ihre Kleidung, ihr Auto, ihren Beruf und ihre Figur. Wir bewerten alle diese Dinge, teilen sie in gut und schlecht, in gewünscht und unerwünscht ein. Entsprechend diesen Ablehnungen und Wünschen leben wir, rennen dem einen nach und dem anderen davon. Wir sind also ständig damit beschäftigt, uns das Leben so einzurichten, wie es uns erstrebenswert erscheint. Dass diese Rennerei ziemlich anstrengend ist, kann man sich wohl leicht vorstellen, wenn man sich das mal bewusst vor Augen führt. Dass dieses Verhalten nicht auf Dauer Glück bringt, ebenso.

Wenn man mal still hinsitzt und einfach versucht, zu atmen, nichts zu denken, dann merkt man, dass das quasi unmöglich ist. Zumindest klappt es nicht auf Knopfdruck beim ersten Mal. In unserem Kopf drehen Gedanken ums Nachtessen, den nächsten Arzttermin, die noch zu erledigenden Dinge, die kneifende Hose, der Rücken, der grad schmerzt, der Bauch, der knurrt, womit wir wieder beim Nachtessen wären. Ruhe findet sich da kaum. Und was noch viel schlimmer ist: Wir nehmen das ganze Durcheinander im Kopf meist gar nicht wahr. Unsere Hirnwindungen produzieren unentwegt ein Geplauder, das wir als Hintergrundrauschen durch die Welt tragen.

Um das zu ändern, müssen wir zuerst verstehen, was Geist, citta, überhaupt ist. Dafür müssen wir tiefer in die Yoga-Philosophie eintauchen: Citta ist ein Synonym für antahkarana, das innere Organ. Dieses setzt sich zusammen aus buddhi (Intelligenz, Weisheit, Entscheidungsebene), ahamkara (Ich-Macher, Ego) und manas (Wahrnehmung, Gefühl, Gedanke). Manas nimmt alles wahr und verarbeitet es. Es löst auch unsere Reaktionen aus – dies meist unbewusst und reflexartig. Was fürs Überleben dringend notwendig ist, kann ansonsten ab und an Schwierigkeiten bereiten, wenn wir aufgrund alter Muster sprichwörtlich kopflos reagieren. Manas setzt Entscheidungen um, kann aber nicht selber entscheiden. Dafür brauchen wir buddhi, die Intelligenz. Buddhi ist das, was versteht, denkt, unterscheidet, entscheidet. Es bringt Licht ins Dunkel der Unwissenheit.

Ahamkara ist all das, was wir uns selber vorsagen, was wir sind: Ahamkara definiert uns als Person. Das ist gut und wichtig, denn ohne wären wir in der äusseren Welt nicht lebensfähig, könnten uns in ihr nicht bewegen. Es stört aber da, wo wir uns zu stark an Dinge klammern, uns über sie definieren. Das lässt uns einerseits tief fallen beim Verlust, andererseits kann das Streben auch zerstörerische Züge annehmen – für das Individuum wie auch die ganze Welt. Ahamkara ist seiner Natur nach immer auf Wachstum ausgerichtet. Die Auswüchse davon sind in der heutigen Zeit wohl gut sichtbar.

Wenn wir das nun zusammenfassen, haben wir einen Geist, dessen einer Teil (manas) sich mit der Aussenwelt verbindet, diese aufnimmt und die Reaktionen auf dieselbe auslöst. Dieser Teil kann aber nicht entscheiden, welche Reaktion angemessen ist. Wir haben einen zweiten Teil (ahamkara), welcher sich selber in der Welt verortet, sich als eigentlich handelndes Wesen ansieht, welches Erfolg haben will. Allerdings kann auch dieser Teil nicht wissen, was richtig ist, was falsch. Dafür haben wir buddhi, den dritten Teil. Erst durch dessen Fähigkeiten kann manas die richtigen Reaktionen auslösen und ahamkara im Zaum gehalten werden. Es gilt also, buddhi zu entwickeln.

Für die Entwicklung des buddhi gibt es zwei zentrale Aspekte, die kultiviert werden müssen: abhyasa und vairagya, üben und loslassen. Wenn wir immer über manas die Aussenwelt abtasten nach Dingen, die wir wollen oder nicht wollen, werden wir nie Ruhe finden. Schon das Tao Te King sagt:

Greifen und Anhäufen – das kennt kein Ende.

Wenn wir die ganzen Wünsche loslassen (vairagya), dann wird der Geist still. Das klappt aber – wie oben bereits gesagt – nicht auf Anhieb, dazu braucht es Übung (abhyasa). Vairagya ist eine innere Haltung, die besagt, dass wir aufhören, Dinge ständig zu bewerten, dass wir aufhören, uns mit allem zu identifizieren. Dadurch entwickeln wir langsam ein Bewusstsein dafür, wer wir wirklich sind, was uns wirklich ausmacht. Dann entdecken wir, dass wir viel mehr sind als die Zuschreibungen, durch die wir uns zu definieren versuchen und dabei immer wieder ins eigene Elend laufen.

Ein Mensch ist nichts als Bewusstsein.
Selbst wenn hundert Körper sterben,
das Bewusstsein stirbt nicht.
(Yoga-Vasistha)[2]

Es geht dabei sicher nicht darum, der äusseren Welt zu entsagen und fortan in Fetzen gehüllt dem Leben zu entsagen. Das wäre nicht nur illusionistisch, es wäre auch nicht der richtige Weg für jeden. Es geht darum, den Dingen ihre richtige Bedeutung zu geben, alles in die richtige Relation zu setzen. Dabei hilft der Yoga. Durch die erfahrenen Momente der Stille kommt man sich selber immer wieder ein Stückchen näher.

yogaḥ = (nom. sg. m. von yoga) Yoga
citta = Bewusstsein, individueller Geist
vr̥tti = Welle, mentale Regung (beinhaltet Wahrnehmungen, Gedanken, Gefühle, Erinnerungen)
nirodhaḥ = zur Ruhe kommen, kontrollieren

___________

[1] Hermann Hesse: Die Gedichte
[2] zit. nach Ralph Skuban: Die Psychologie des Yoga

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