1.16 tatparaṁ puruṣa-khyāteḥ guṇa-vaitr̥ṣṇyam

Patanjalis Yoga Sutras, Sutra 1.16

Durch die Erfahrung des eigenen spirituellen Selbst (Purusa) hört der Durst nach und die Identifkation mit den Gunas auf, was die höchste Form von Vairagia, des Nichtanhaftens bedeutet.

Patanjali erwähnt in diesem Sutra die Gunas. Unsere ganze (physische, materielle) Welt um uns und auch wir selber werden durch die Gunas bestimmt. Alles manifestiert sich als eine Zusammensetzung der Gunas (Prakriti). In der materiellen Welt identifizieren wir die Dinge mit eben diesen, tun dies auch mit uns selber. Wir denken, wir sind genau diese Zusammensetzung, wir sind das, was in uns durch die Gunas wirkt – das ist unsere Identifikation. Wir ignorieren dabei, dass alles Manifeste vergänglich ist, dass es ständigen Schwankungen und ständigem Wandel unterworfen ist.

Des Weiteren spricht Patanjali  von Purusha, dem Ewigen, Unendlichen, dem über allem stehenden Unmanifestierten. Purusa ist das eigentliche Selbst, das, was in allem der Wesenskern ist, weswegen alle eins sind, eine grosse Einheit, die sich aber in verschiedenen Manifestationen in der Welt zeigt.

So lange wir die Tatsache ignorieren, dass wir eigentlich alle Purusa sind, sondern uns mit Prakriti identifizieren, unterliegen wir den Kräften der Gunas. Wir begehren Dinge, von denen wir denken, sie haben zu müssen, um zu sein, wie wir sein wollen. Wir halten an Dingen fest, von denen wir denken, sie machen uns aus: Der Verlust eines Menschen ist für uns mit grossem Leid verbunden, durch den Verlust unserer Arbeit verlieren wir oft den Halt, weil wir uns durch diese definiert haben.  Ziehen Kinder aus zu Hause, stellen wir unsere Daseinsberechtigung in Frage, weil wir plötzlich keine Mutterpflichten mehr wahrnehmen müssen. Der Beispiele wären viele.

Offensichtlich ist dabei aber eines: Alles, was für uns zu einem Zeitpunkt gut und wichtig und richtig war, kann zu einem anderen Zeitpunkt Leid über uns bringen, wenn es nämlich aus unserem Leben verschwindet. Indem wir an den Dingen haften, stürzt uns deren Verlust in eine Identitätskrise. Da wir das wissen, machen wir uns oft schon vor diesem Verlust Gedanken und auch Sorgen.

Wir spielen ganze Filme durch, was wäre, wenn.

Wir leiden also nicht erst beim Verlust von etwas, sondern schon vorher beim Gedankenspiel.

Aber nicht nur der Verlust von etwas, das wir haben, stürzt uns in die Krise, auch das, was wir nicht haben, aber dringend haben wollen, bringt Leid in unser Leben. Wer kennt nicht den Gedanken:

„Wenn ich nur hätte, wäre ich…“

Man kann beliebiges einsetzen: Man wäre schön, hätte man nur 10 kg weniger, man wäre beliebt, wäre man nur humorvoller, man wäre interessant, wäre man gescheiter, oder man wäre überhaupt jemand, hätte man nur eine Stelle. Nur hat man das alles nicht, weswegen man unzufrieden ist, leidet, seinen Selbstwert selber klein redet.

Eigentlich blöd. Aber wohl menschlich. Patanjali schreibt in diesem Sutra ganz einfach: Das wäre alles nicht möglich. Wir müssten nur realisieren, dass wir eigentlich alle Purusa sind, dass wir ganz tief im Wesenskern alle eins sind und damit genauso wertvoll sind wie alle und alles um uns – egal, ob wir dünn, dick, gebildet, arbeitend, arbeitslos sind. All diese Adjektive beschreiben nicht uns als Wesen, sondern unsere Rollen in dieser materiellen (manifestierten) Welt, an denen wir haften. Ziel wäre aber vairagya: Die Nichtanhaftung.

Wie kommen wir dahin? Es ist wohl leichter gesagt, als getan. Einfach durch reines rationales Denken „Ich bin nicht das und bin nicht jenes, sondern Purusa.“ wird man nicht „zack“ glückselig lächelnd und frei von allem, was einen vorher noch bedrückte, durch die Welt gehen. Es braucht eine tiefe Einsicht, eine Erfahrung davon, dass man nicht dies und das ist, welches einem immer und immer wieder Leid zufügt. Der Weg der Erkenntnis, der schlussentlich auch zur Erkenntnis des eigenen Wesenskerns führt, ist in als Weg mit Stufen beschrieben in der Yoga-Philosophie (dies deckt sich auch mit anderen Philosophien wie der christlichen Mystik oder der griechischen Philosophie bei Platon).

Durch kontinuierliches Üben des Yoga, durch das Meistern der acht Stufen des Yogawegs kommt man der Erkenntnis des eigenen Selbst, der Erkenntnis von Purusa immer näher – und sieht vielleicht dann und wann sogar klar.

Tat = das
param = höchste
purusa = das wahre Selbst, das unwandelbare Selbst, Brahman im Vedanta
khyâteh = durch Gewahrung, Verständnis, Bewusstsein des
guna = Eigenschaft der Natur, Wirkkräfte
gunavaitrishnyam = Freiheit von den Gunas, wötl. nicht nach den Wirkkräften dürsten

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Ein Kommentar zu „1.16 tatparaṁ puruṣa-khyāteḥ guṇa-vaitr̥ṣṇyam

  1. Vielleicht ist es ein Anfang, sich darauf zu konzentrieren, welche unsere aller Grundbedürfnisse sind. Das jeder danach von Anbeginn an danach strebt. Und so wie ich diese Erfüllung benötige, benötigt jeder, der mir begegnet, dieses auch. Das heisst, im Kern sind wir uns gleich. Wenn ich dieses annehmen kann, fällt es mir leichter mich und den anderen so anzunehmen wie wir sind. Muss nicht etwas aus der Vergangenheit bemühen um mich zu rechtfertigen und auch nicht die eventuelle Möglichkeit, die mir vielleicht eröffnet wird in den Blick nehmen. Ich darf im Hier und Jetzt Ich Sein.

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