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1.16 tatparaṁ puruṣa-khyāteḥ guṇa-vaitr̥ṣṇyam

Patanjalis Yoga Sutras, Sutra 1.16

Durch die Erfahrung des eigenen spirituellen Selbst (Purusa) hört der Durst nach und die Identifkation mit den Gunas auf, was die höchste Form von Vairagia, des Nichtanhaftens bedeutet.

Patanjali erwähnt in diesem Sutra die Gunas. Unsere ganze (physische, materielle) Welt um uns und auch wir selber werden durch die Gunas bestimmt. Alles manifestiert sich als eine Zusammensetzung der Gunas (Prakriti). In der materiellen Welt identifizieren wir die Dinge mit eben diesen, tun dies auch mit uns selber. Wir denken, wir sind genau diese Zusammensetzung, wir sind das, was in uns durch die Gunas wirkt – das ist unsere Identifikation. Wir ignorieren dabei, dass alles Manifeste vergänglich ist, dass es ständigen Schwankungen und ständigem Wandel unterworfen ist.

Des Weiteren spricht Patanjali  von Purusha, dem Ewigen, Unendlichen, dem über allem stehenden Unmanifestierten. Purusa ist das eigentliche Selbst, das, was in allem der Wesenskern ist, weswegen alle eins sind, eine grosse Einheit, die sich aber in verschiedenen Manifestationen in der Welt zeigt.

So lange wir die Tatsache ignorieren, dass wir eigentlich alle Purusa sind, sondern uns mit Prakriti identifizieren, unterliegen wir den Kräften der Gunas. Wir begehren Dinge, von denen wir denken, sie haben zu müssen, um zu sein, wie wir sein wollen. Wir halten an Dingen fest, von denen wir denken, sie machen uns aus: Der Verlust eines Menschen ist für uns mit grossem Leid verbunden, durch den Verlust unserer Arbeit verlieren wir oft den Halt, weil wir uns durch diese definiert haben.  Ziehen Kinder aus zu Hause, stellen wir unsere Daseinsberechtigung in Frage, weil wir plötzlich keine Mutterpflichten mehr wahrnehmen müssen. Der Beispiele wären viele.

Offensichtlich ist dabei aber eines: Alles, was für uns zu einem Zeitpunkt gut und wichtig und richtig war, kann zu einem anderen Zeitpunkt Leid über uns bringen, wenn es nämlich aus unserem Leben verschwindet. Indem wir an den Dingen haften, stürzt uns deren Verlust in eine Identitätskrise. Da wir das wissen, machen wir uns oft schon vor diesem Verlust Gedanken und auch Sorgen.

Wir spielen ganze Filme durch, was wäre, wenn.

Wir leiden also nicht erst beim Verlust von etwas, sondern schon vorher beim Gedankenspiel.

Aber nicht nur der Verlust von etwas, das wir haben, stürzt uns in die Krise, auch das, was wir nicht haben, aber dringend haben wollen, bringt Leid in unser Leben. Wer kennt nicht den Gedanken:

„Wenn ich nur hätte, wäre ich…“

Man kann beliebiges einsetzen: Man wäre schön, hätte man nur 10 kg weniger, man wäre beliebt, wäre man nur humorvoller, man wäre interessant, wäre man gescheiter, oder man wäre überhaupt jemand, hätte man nur eine Stelle. Nur hat man das alles nicht, weswegen man unzufrieden ist, leidet, seinen Selbstwert selber klein redet.

Eigentlich blöd. Aber wohl menschlich. Patanjali schreibt in diesem Sutra ganz einfach: Das wäre alles nicht möglich. Wir müssten nur realisieren, dass wir eigentlich alle Purusa sind, dass wir ganz tief im Wesenskern alle eins sind und damit genauso wertvoll sind wie alle und alles um uns – egal, ob wir dünn, dick, gebildet, arbeitend, arbeitslos sind. All diese Adjektive beschreiben nicht uns als Wesen, sondern unsere Rollen in dieser materiellen (manifestierten) Welt, an denen wir haften. Ziel wäre aber vairagya: Die Nichtanhaftung.

Wie kommen wir dahin? Es ist wohl leichter gesagt, als getan. Einfach durch reines rationales Denken „Ich bin nicht das und bin nicht jenes, sondern Purusa.“ wird man nicht „zack“ glückselig lächelnd und frei von allem, was einen vorher noch bedrückte, durch die Welt gehen. Es braucht eine tiefe Einsicht, eine Erfahrung davon, dass man nicht dies und das ist, welches einem immer und immer wieder Leid zufügt. Der Weg der Erkenntnis, der schlussentlich auch zur Erkenntnis des eigenen Wesenskerns führt, ist in als Weg mit Stufen beschrieben in der Yoga-Philosophie (dies deckt sich auch mit anderen Philosophien wie der christlichen Mystik oder der griechischen Philosophie bei Platon).

Durch kontinuierliches Üben des Yoga, durch das Meistern der acht Stufen des Yogawegs kommt man der Erkenntnis des eigenen Selbst, der Erkenntnis von Purusa immer näher – und sieht vielleicht dann und wann sogar klar.

Tat = das
param = höchste
purusa = das wahre Selbst, das unwandelbare Selbst, Brahman im Vedanta
khyâteh = durch Gewahrung, Verständnis, Bewusstsein des
guna = Eigenschaft der Natur, Wirkkräfte
gunavaitrishnyam = Freiheit von den Gunas, wötl. nicht nach den Wirkkräften dürsten

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Doris Iding: Die Angst, der Buddha und ich

Schritt für Schritt die Angst hinter sich lassen

Getrieben im Alltag, gehetzt von Termin zu Termin, einem inneren und äusseren Druck ständig nachgebend, Dinge erledigen zu müssen und noch mehr zu schaffen, ignoriert Doris Iding alle Signale ihres Körpers und Geistes, bis es eines Tages zu spät ist. Eines Nachts kommt ein Signal, das Doris Iding nicht mehr ignorieren kann.

Draussen war es stockdunkel. Alles, was ich sah, waren Millionen von schwarzen und weissen dicken Punkten, die sich schnell und flirrend vor meinem Gesichtsfeld bewegten. Zuerst wollte ich meinen eigenen offenen Augen nicht trauen. Dann schlug mein Gehirn Alarm. Innerhalb von Sekunden breitete sich eine so massive Angst in mir aus, dass sie mich förmlich durch- und dann überflutete.

IdingAngstTrotz jahrelanger spiritueller Praxis, trotz des Wissens um die Achtsamkeit mit sich und seinem Tun, erkrankt Doris Iding an einer Angststörung. Die nächtlichen Erscheinungen machen Angst, lassen Doris Iding sich selber hinterfragen: Werde ich blind oder gar verrückt? Auch an einen Gehirntumor oder untergejubelte Drogen denkt Doris Iding. Der Angst während der Erscheinung folgt die Angst vor der nächsten Nacht, schliesslich die Angst vor der Angst. Was, wenn das nie mehr aufhört?

Für Doris Iding gab es nur einen Weg: Sie musste der Angst auf den Grund gehen. Nachdem körperliche Ursachen ausgeschlossen werden konnten, fängt sie an, sich und ihr Leben der letzten Wochen, Monate und Jahre zu durchleuchten und nimmt sich darauf wieder Zeit für sich. Mit Hilfe von Ärzten, spirituellen Lehrern und Therapeuten geht sie Schritt für Schritt ihren Weg hin zur Heilung und merkt auf diesem Weg, dass sie mit dieser Angst nicht alleine ist, dass Angst viel weiter verbreitet ist, als man landläufig annimmt.

Doris Idings Buch Die Angst, der Buddha und ichist einerseits eine persönliche Geschichte, andererseits legt es den Finger auf ein Phänomen, das in der heutigen Zeit verschwiegen wird, obwohl es weit verbreitet und für die Betroffenen mit viel Leiden verbunden ist. Das Buch beinhaltet neben dem positiven Beispiel der Autorin selber Hilfestellungen für Betroffene, unter anderem auch Übungen, die man in den eigenen Alltag integrieren kann.

Fazit
Das Buch einer mutigen Frau, die anderen Mut machen möchte, zu sich zu stehen und an Heilung zu glauben, sie selber in die Hand zu nehmen. Sehr empfehlenswert.

Zum Autor
Doris Iding ist Ethnologin und Yogalehrerin. Sie lebt und arbeitet in München als freie Journalistin, Ghostwriterin für die Themenbereiche Spiritualität, Psychologie und unterrichtet des Weiteren als Dozentin bei Yogalehrerausbildungen zum Thema Yogaphilosophie. Sie praktiziert seit Jahren Meditation, ist in der buddhistischen und der yogischen Philosophie zu Hause und hat als Journalistin viele große Meister persönlich kennengelernt und interviewt.

Angaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 256 Seiten
Verlag: Nymphenburger Verlag (15. März 2013)
ISBN-Nr.: 978-3485014052
Preis: 18 Euro /26.90 CHF
Zu kaufen in jeder Buchhandlung vor Ort oder online u. a. bei AMAZON.DE und BOOKS.CH

 

Alles hat seine Zeit

Freddie Mercury sang einst:

I want it all,
I want it all,
I want it all,
and I want it now.

Das Prinzip kann man bei Kindern gut beobachten, die sich etwas in den Kopf gesetzt haben und es dann haben wollen, um jeden Preis. Jedes Mittel ist ihnen recht, es zu kriegen: Die Mittel reichen vom flehenden Augenaufschlag über Tränen bis hin zu den Tobsuchtsanfällen gepaart mit Beschimpfungen gegen den, der dem gewollten Glück im Wege steht.

Man muss im Alter allerdings nicht mal so weit zurückgehen, um dieses Phänomen zu sehen: Es ist auch bei Erwachsenen durchaus noch vorhanden. Die Regeln des gesellschaftlichen Miteinanders haben zwar die extremsten Auswüchse der Mittel als nicht einsetzbar qualifiziert (nicht alle befolgen solche Regeln und nicht immer zu hundert Prozent), aber dass man das, was man will, gleich will und komplett, das liegt wohl in der Natur des Wollens. Wieso warten? Wieso nur einen Teil?

Einmal in den Kopf gesetzt, dreht der Wunsch durch die Hirnwindungen, besetzt jede freie Stelle, annektiert jeden Gedanken. Man wird (fast) besessen, will alles drehen und wenden, um die schnelle Erfüllung möglich zu machen. Man will nicht warten, denkt, man könne es nicht. Es ist im Kopf, es ist für gut befunden, es soll so sein. Jetzt.

In diesem unnachsichtigen Streben übersieht man oft, dass viele Hindernisse, die zwischen einem und dem ach so Gewollten stehen, nicht nur schlimm und böse sind. Viele warnende Stimmen sprechen auch nicht nur aus Neid oder anderen niederen Beweggründen, die wir ihnen unterstellen wollen. Klar, insgeheim ahnt man sowas, aber man will es nicht hören. Man will, was man will und nichts anderes; sachliche Argumente sind völlig fehl am Platz.

Wenn man zurück schaut: Wie oft gab die Kopf-durch-die-Wand-Strategie nur Kopfweh? Wie oft war man so mit Hürden abbauen beschäftigt, dass man aus den Augen verlor, was man damit anrichtete – bei sich und anderen? Wie oft war man beim Erreichen des so krampfhaft angestrebten Zieles wirklich glücklich bis ans Lebensende? Und wenn wenigstens kurz glücklich: In welcher Relation stand es zum Kampf vorher?

Wünsche sind schön und Wünsche sind wichtig. Sie treiben uns an, zeigen uns mögliche Wege und mögliche Ziele. Aber: Nicht jeder Wunsch kann zu jeder Zeit erfüllt werden. Nicht jeder Wunsch muss erfüllt werden. Es gibt Wünsche, die erfüllen sich gleich, andere brauchen ihre Zeit, wieder andere begleiten uns ein Leben lang. Blinde Verbissenheit in der Erfüllung von Wünschen, ungeachtet ob ihre Zeit reif ist oder nicht, ob der Einsatz gerechtfertigt ist oder nicht, bringen uns dem zu uns passenden Ziel selten näher, sie lassen uns nur die eigene Energie verschwenden und bewirken, dass wir die vielen kleinen Wunder, die das Leben täglich bereit hält, übersehen, weil wir nur dem einen grossen Wunsch hinterher rennen.

Wenn also wieder mal ein grosser Wunsch lockt, dem sich viele Hindernisse in den Weg stellen, lohnt es sich, genau hinzuschauen: Wieso habe ich den Wunsch? Was verspreche ich mir davon? Wie passt er in mein Leben? Was spricht konkret dafür und dagegen? Was ist der Preis, den ich zahle? Ist es das wert?

Wenn man dann zum Schluss kommt, dass der Wunsch wirklich realistisch ist, braucht man keine Kopf-durch-die-Wand-Strategie. Man kann Schritt für Schritt auf dem Weg zum Ziel gehen, jeden Schritt geniessen, im Wissen, dass man ankommen wird. Wenn die Zeit reif ist. Und: All die Energie, die man nicht für einen unnötigen Kampf aufwenden muss, kann man dazu verwenden, das Leben für sich und andere lebenswerter zu machen. Eigentlich das höchste Ziel, denn daraus resultiert Glück. So von tief drin.

Zu viele egozentrische Gedanken sind die Quelle für Leiden. Sorge und Mitgefühl für das Wohlbefinden anderer sind die Quelle des Glücks. (Dalai Lama)

Haemin Sunim: Die schönen Dinge siehst du nur, wenn du langsam gehst

Ist unser Geist fröhlich und mitfühlend, ist es auch die Welt; ist er voller negativer Gedanken, wirkt auch die Welt negativ. Wenn du also überlastet und hektisch bist, ruf dir in Erinnerung, dass du nicht machtlos bist. Wenn dein Geist innehält, kommt auch die Welt zur Ruhe.

SunimDingeDer ehemalige Professor und nun als Zen-Mönch wurde Haemin Sunim oft nach seinem Rat gebeten bei Lebensfragen. Bald ging er dazu über, diese Ratschläge nicht nur in Mails oder persönlichen Gesprächen zu geben, sondern auch in den sozialen Medien verschiedene Aspekte des Lebens und seiner Sicht darauf zu vermitteln. Die Themen waren vielfältig, sie reichten von der Entschleunigung in der heutigen hektischen Welt über die Möglichkeiten, gute Beziehungen zu führen bis hin zu Achtsamkeit und Mitgefühl im Umgang mit sich und anderen.

Mit seinen Gedanken traf er viele Menschen mitten ins Herz, und so wurde bald auch ein Verlag auf ihn aufmerksam, der seine Gedanken in Buchform zusammenfassen wollte. Was für ein Glück! „Die schönen Dinge siehst du nur, wenn du langsam gehst“ ist ein Geschenk. In einführenden Texten und nachfolgenden kurzen Gedanken werden verschiedene Themen aufgegriffen. Es ist kein Buch, das man schnell so nebenbei liest, sondern eines, das einen immer wieder zum Innehalten und Nachdenken aufruft.

Liebe kann das Leben der Menschen ändern.

Das Buch ist sehr liebevoll illustriert, so dass es nicht nur ein wunderbarer Begleiter und Ratgeber, sondern auch eine Freude zum Anschauen ist.

Fazit
Ein wunderbar inspirierendes, liebevoll illustriertes Buch, das zum Nachdenken anregt. Prädikat: Absolut empfehlenswert.

Haemin Sunim
Haemin Sunim, geboren in Korea, ging in die USA, um in Berkeley, Harvard und Princeton Film zu studieren, nur um zu erkennen, dass er sein Leben dem Buddhismus und spirituellen Leben widmen möchte. Er kehrte nach Korea zurück, wurde Mönch und wurde einer der meistgelesenen spirituellen Autoren. Sein Buch „Die schönen Dinge siehst du nur, wenn du langsam gehst“ verkaufte sich mehr als drei Millionen Mal, und er hat über eine Million Follower auf Twitter und Facebook. Wenn Hamin Sunim nicht auf Reisen ist, um Vorträge in der ganzen Welt zu halten, lebt er in Seoul.

Angaben zum Buch:
Taschenbuch: 272 Seiten
Verlag: Scorpio Verlag (4. August 2017)
Übersetzung: Claudia Seele-Nyima
ISBN: 978-3958031340
Preis: EUR: 18 ; CHF 28.90
Zu kaufen in jeder Buchhandlung vor Ort oder online u. a. bei AMAZON.DE und BOOKS.CH

Der Wunsch, geliebt zu werden

Wir alle wollen geliebt werden. Und uns wurde eingeimpft, dass wir etwas zu leisten hätten, auf eine gewisse Art zu sein hätten, um es zu werden. Und so sind wir dann. Nicht mehr wir selber, sondern so von aussen bestimmt liebenswert. Das ist meist so gar nicht liebenswert, weil ziemlich berechnend.

Manche belassen es dabei und fahren vordergründig gut. Zwar werden sie nicht wirklich geliebt, aber sie haben Erfolg. Das deckt eine Zeit lang die Ur-Sehnsucht. Wenn nicht mehr, wird es eng.

Andere fahren nicht so gut und hinterfragen. Und da treffen sich dann beide wieder: Man muss was ändern und es gibt genügend Theorien, wie das ginge… man ist nicht blöd und verschreibt sich einer. Buddhismus, Yoga, Tantra, Achtsamkeitsmeditationen, Religionen, psychologische Ratgeber – irgendwas passt grad so und das nimmt man dann. Und liest und gibt sich geläutert, und spricht in der Sprache der gewählten Richtung… nur: Im Alltag setzt sich das nicht um. Da hilft kein Altar, kein Bücherwissen, kein gar nix. Nur der wirkliche Wille, all das Leistungsdenken aufzugeben. Um wirklich zu sein. Und so geliebt zu werden.

Braucht Mut. Vielleicht bringt man den oft erst dann auf, wenn man erkennt, dass es So, wie es bislang lief, wirklich nicht mehr weiter geht. Da ist man aber meist schon sehr weit unten – in irgendeiner Form.

Wenn man es sich dann leisten kann, Abstand von den anderen zu halten, sollte man das wohl tun. Von ihnen wird nie wirkliche Liebe kommen, sie “lieben” nur, wenn man das liefert, was sie brauchen. Und man fühlt sich selbst dann nicht wirklich geliebt.

Tief drin ist etwas, das einfach da ist. Es war da, als wir auf die Welt kamen, es wird uns überdauern. Wir haben verschiedene Stadien durchgemacht, unsere Meinungen verändert, unsere Rollen vertauscht. Wir  waren Kinder, wurden gross, wir waren Lernende, wurden Ausgebildete. Tief drin blieben wir. Menschen. Wesen. Seiende. Doch was liebt ein anderer an uns? Oft wohl Rollen, die wir grad innehaben, die wir nach aussen projizieren, weil wir uns über sie definieren. Und wenn die Rolle ins Wanken kommt, wanken wir mit und die Liebe des andern ebenso. Und dann sind wir allein. Wir haben den Halt der Rolle verloren und die Liebe dessen, der auf die Rolle ebenso baute, wie wir selber.

Wer bin ich?

Tief drin bin ich. Niemand. Nichts. Ich muss nichts sein, weil ich alles bin. Damit kann man klar nicht ans nächste Vorstellungsgespräch, da zählen Papiere und Abschlüsse (die mehrheitlich nichtssagend, aber gefordert sind – ich kann das gerne ausführen, hier sprengt es den Rahmen). Wir leben in der Welt und wir müssen unseren Platz hier finden. Aber: Wir dürfen uns nicht damit identifizieren. Unser Wert als Wesen definiert sich nicht über die Rollen. Wenn wir einen Platz in dieser Welt haben wollen, heisst es „Gas geben“ und die Kriterien erfüllen. Das ist toll und wunderbar und wichtig. Für das Leben in der Gesellschaft. Eine Gesellschaft lebt von vielen verschiedenen Menschen mit vielen verschiedenen Zielen, die sie in der Gesellschaft erreichen wollen. Sie sollten nur ihren Wert nicht über ihren Platz in der Gesellschaft definieren. Sie sollten nicht  denken, dass der Platz in der Gesellschaft sie liebenswert macht. Dieser Platz ist wie ein Gewinnspiel. Man löst ein Kreuzworträtsel und schickt das Lösungswort ein. Man tat es nach bestem Wissen und Gewissen und will das Spiel gewinnen. Einige gewinnen, andere nicht. Keiner ist deswegen ein schlechterer Mensch.

Schön wäre eine Welt, in der alle gut überleben könnten und sich geliebt fühlen. Einfach weil sie sind. Wie sie sind.

 

 

Meditation – das pralle Leben

Wir haben alle unsere Vorstellungen, was Meditation ist:

Still sitzen, nicht denken, atmen. Sein. In Frieden, in Ruhe.

Nur schon Friede und Ruhe stellen sich leider schwer ein, dazu sollte man die Meditation auch noch in einer bestimmten Weise tun: In aufrechter Sitzhaltung, Ohren über den Schultern, Scheitel zum Himmel, Becken aufrecht, linker Fuss auf rechtem Oberschenkel, rechter auf linkem, um aus allem eins zu machen und die Wachheit zu behalten*. Es gibt auch die Meditierende, die mit der Ausrede, das Sitzen falle ihnen nicht leicht, liegend meditieren – und dann selig entschlafen… Leider ist Schlaf so  ziemlich das Gegenteil von Meditation. Aber: Am Sitz soll es nicht scheitern, denn: Da schmerzen die Knie, die aufrechte Haltung ist anstrengend und der Geist macht eh, was wer will – Zudem: Wann sollen wir das noch in unseren sonst schon vollen Stundenplan bringen? Wir haben viele Argumente zur Flucht, um nicht hinschauen zu müssen, nur:

Wer will, findet Wege, wer nicht will, Gründe.

Meditation – so heisst es oft – sei das Sein im Hier und Jetzt. Alltag. Abwaschen, Gehen, Essen, Arbeiten – alles kann Meditation sein. Und wir tun das alles. Meditieren wir also alle schon den ganzen Tag? Schliesslich waschen wir ab und denken dabei schon, was wir nachher tun sollen, wir essen und lesen dazu die Zeitung, gehen spazieren und denken über das Leben nach. Gerade drum ist es keine Meditation: Wir sind nie wirklich da, wo wir sind, sondern immer wo anders. Es gibt zwei Stufen, abzutauchen:

  • Vergangenheit: Was war, wieso war es und wieso hat es nicht anders sein können? und:

  • Zukunft: Das will ich, wie könnte es sein, was will ich haben?

Nur: Wir haben nur das Hier und Jetzt. Und nun? Es ist also nicht jeder schon erleuchtet, weil er abwäscht, Zug fährt oder isst. Nicht WAS wir tun, ist wichtig, sondern WIE wir es tun. Wer laut und viel erzählt, was er alles tut und dabei erlebt, hat wohl relativ wenig begriffen. Denn: Was soll es bringen? Wem? Machen kann es nur jeder selber. Und es ist einfach:

Atmen, dem Atem folgen, sein. Hier. Jetzt. Und hier und jetzt tun, was getan werden muss.

Aber es ist doch schwer. Man kann es nur machen. Es gibt nicht mehr dazu zu sagen.

_______

*nachzulesen bei Shunryu Suzuki: Zen-Geist Anfänger-Geist

 

Jack Kornfield: Meditation für Anfänger

Mehr Achtsamkeit durch Meditation

Der Kern dieses inneren Übungsweges ist das aufmerksame Lauschen und Achten auf unser Umfeld, auf unseren Körper, auf unseren Geist, auf unser Herz und auf die Welt um uns herum. Das ist es, was als Achtsamkeit bezeichnet wird.

Im vorliegenden Buch beschreibt Jack Kornfield auf leicht verständliche Weise die wesentlichen Übungen und Lehren der Meditation, wie man sie in verschiedenen buddhistischen Klöstern findet. Sechs dieser Meditationen sind auf einer CD angeleitet, damit man sich geführt in sie begeben kann. Wichtig ist dabei aber immer, dass man, um zu meditieren, kein Buddhist sein muss. Meditation wird als Werkzeug beschrieben, das jedem Menschen helfen kann, im Leben achtsamer und bewusster zu werden, was zu mehr Gesundheit für Körper und Geist führen wird.

Unsere Meditation ist dadurch keine Übung, die wir von Zeit zu Zeit durchführen, sondern eher eine Seinsweise, die jeden Augenblick des Tages bei uns ist.

Auf der Grundlage der Vipassana-Meditation, die darauf zielt, die Dinge so zu sehen, wie sie wirklich sind, indem man Achtsamkeit und Gewahrsein für das eigene Sein und Tun entwickelt, stellt Jack Kornfield verschiedene Formen der Meditation vor. Von der Verbindung mit dem Atem über Körperempfindungen, Gefühle, Gedanken bis hin zu Themen wie Vergebung, Güte oder Tätigkeiten wie essen oder gehen finden sich verschiedene Möglichkeiten der Achtsamkeitsmeditation in dem kleinen Büchlein. In leicht verständlicher Sprache führt Jack Kornfield den Leser in die Kunst des Meditierens ein und gibt ihm damit eine Methode in die Hand, mit welcher er sein Leben nachhaltig zum Positiven verändern kann.

 

Fazit
Ein kleines, trotzdem umfassendes und lehrreiches Buch; eines der Bücher, die man liest und viel für sich mitnimmt. Prädikat: Absolut empfehlenswert.

 

Jack Kornfield
Jack Kornfield ist promovierter Klinischer Psychologe, Psychotherapeut, aber vor allem ein Lehrer und Vermittler. Nach vielen Studienjahren in Thailand, Burma und Indien ist er in seiner amerikanischen Heimat zu einem international anerkannten Botschafter buddhistischer Lehren für die Menschen im Westen geworden. Mit Gleichgesinnten gründete er die Insight Meditation Society und später das Spirit Rock Center als „einen Platz für lange, tiefe Meditation“. Kornfield wurde 1945 geboren und lebt mit Frau und Tochter im US-Staat Kalifornien.

 

Angaben zum Buch:
KornfieldMeditationGebundene Ausgabe: 128 Seiten (+ CD)
Verlag: arkana Verlag (13. Auflage, April 2007)
Übersetzung: Reinhard Eichelbeck
ISBN: 978-3442337330
Preis: EUR: 16.99 ; CHF 26.90

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Pema Chödrön: Den Sprung wagen

Wie wir uns von destruktiven Gewohnheiten und Ängsten befreien

„Sich mit sich selbst anfreunden“

Wir finden Frieden nur, indem wir ihn auf dem Fundament der bedingungslosen Offenheit gegenüber allem gründen, was auch kommen mag. Frieden ist keine Erfahrung frei von Herausforderungen, frei von Höhen und Tiefen, er ist eine Erfahrung, die umfassend genug ist, um alles einzuschliessen, was kommt, ohne dass wir uns bedroht fühlen.

Wir Menschen leben oft in Gewohnheiten und Strukturen. Erfahrungen prägen unser Verhalten, wenn uns Menschen oder Situationen treffen, die uns herausfordern, reagieren wir auf eine Weise, die uns das Leid verdrängen lässt. Oft sind diese Reaktionen nicht dazu gut, uns wirklich besser zu fühlen, sie verhaften uns im Gegenteil im negativen Gefühl – dem ursprünglichen und einem, das in unseren Erfahrungen gründet.

Wenn wir Furcht, Besorgnis oder irgendein Gefühl von Haltlosigkeit empfinden oder merken, wie die Furcht uns bereits in den Gedanken verstrickt: „Dafür werde ich mich rächen“ oder „Ich muss zu meiner Sucht greifen, um dem zu entrinnen“, können wir diesen Augenblick neutral betrachten: als einen Augenblick, in dem wir eine von zwei Richtungen einschlagen können.

Wenn wir diesen Mechanismus erst einmal wahrnehmen, können wir bewusst damit umgehen. Das, was uns passiert, begegnet, ist nicht das wirkliche Übel. Das kommt erst, wenn wir uns darauf stürzen und daraus eine Geschichte spinnen, die sich aus unseren Gewohnheiten und eingeübten Reaktionen speist. Pema Chödrön spricht hier von Shenpa, was so viel wie „anhaften, einrasten“ bedeutet. Erst durch dieses Anhaften kommt wirkliches Leid und wir sind nicht mehr frei, sondern gefangen in den negativen Gefühlen. Ein Schritt zurück, innehalten, kann helfen, das wahrgenommene Übel in seiner Relation und wirklichen Tragweite zu sehen.

Dann wird uns vielleicht deutlich, dass unsere Notlage nur ein winziger Augenblick in der Zeit ist und wir die Wahl haben, alte gewohnte Reaktionen zu stärken oder frei zu sein.

Pema Chödrön spricht in diesem Buch ein Thema an, das wohl jeden Menschen – mehr oder weniger – beschäftigt: Wie gehe ich mit eigenen negativen Gefühlen um, wie kann ich mich aus Spiralen von Leid befreien. Manche Lehren und Übungen mögen für einen sehr westlich eingestellten Menschen mit wenig buddhistischem Hintergrund gar weit gehen, im Grossen und Ganzen sind es aber einfach zu praktizierende und durchaus nachvollziehbare Übungen, die Pema Chödrön in diesem dünnen, leicht verständlichen, trotzdem aber tiefgehenden Büchlein präsentiert. Statt einfach unbewusst auf Herausforderungen zu reagieren, ist es sinnvoller, achtsam zu sein, innezuhalten, auch mal auszuhalten. Denn:

Nichts bleibt, wie es ist, nichts ist von Dauer.

Jedes Leid wird wieder vergehen. Es vergeht schneller, wenn wir es nicht künstlich verlängern.

Fazit
Ein tiefgründiges Buch, ein lehrreiches Buch mit einfachen und nachvollziehbaren Übungen; eines der Bücher, die man liest und viel für sich mitnimmt. Prädikat: Absolut empfehlenswert.

Pema Chödrön
Pema Chödrön ist US-Amerikanerin und buddhistische Nonne in der Tradition des tibetischen Meditationsmeisters Chögyam Trungpa. Sie ist Leiterin des tibetischen Klosters Gampo Abbey auf der kanadischen Insel Cape Breton. Neben Ayya Khema gehört Pema Chödrön heute zu den bekanntesten buddhistischen Lehrerinnen der Welt. Wie diese wurde sie Mutter, bevor sie ihre Gelübde als Nonne ablegte und ist somit bestens sowohl mit dem weltlichen als auch dem geistlichen Leben vertraut.

Angaben zum Buch:
Chödrönden_sprung_wagenTaschenbuch: 128 Seiten
Verlag: Goldmann Verlag (17. Dezember 2012)
Übersetzung: Margarethe Randow-Tesch
ISBN: 978-3442220120
Preis: EUR: 7.99 ; CHF 12.90

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Im Ring: Das Ich gegen das Selbst

Im Yoga unterscheidet man immer wieder zwischen dem Ego und dem Selbst. Während das Eine, das Selbst, als rein und echt und erstrebenswert propagiert wird, soll man das Ego tunlichst ablegen. Mit Ego ist das gemeint, das will, das wünscht und sehnt (Haben-Wollen, raga), ablehnt und zu meiden versucht (Nicht-Haben-Wollen, dvesa). Es ist das, was uns an- und umtreibt, etwas zu tun, Ziele zu erreichen. Es ist das, was ständig „HIER“ schreibt und findet, das bin ich und das ist meins. Es plustert sich auf, identifiziert sich mit allem, was vor sich geht, es heftet sich an alles, was es hat, haben will oder zu sein glaubt. Worte die gesprochen werden, Situationen, Vorkommnisse, alles sieht das Ego auf sich bezogen, es ist quasi der Nabel der Welt, um den sich diese dreht.

Nur: Das Ego kommt mit uns auf die Welt und geht mit uns wieder. Worum würde sich die Welt nachher drehen? Doch das wäre dem Ego noch egal, viel wichtiger: Es will nicht mehr gehen, woher die ständige Angst vor dem Tod rührt. Gewisse Stimmen sagen: Alle Ängste lassen sich in letzter Konsequenz auf diese eine Angst zurückführen.

Das Selbst ist da viel subtiler, es liegt tief in uns und ist immer da. Es war vor uns da, bleibt unberührt von allem, was passiert, bleibt, wenn wir gehen. Es ist nicht fassbar, nicht sichtbar, liegt meist im Unbewussten, unverändert trotz allen Veränderungen in, mit und um uns. Es ist der Grundpfeiler unserer Identität.

Und so lesen und hören wir dann in Yogakreisen: Lass dein Ego los, hafte nicht an, finde dich.

Erkenne dich selbst.

Diesen Satz sagten schon die alten Griechen. Die zitiert man in der Yogaszene eher weniger, aber wenn sie grad so schön passen – wieso nicht. Passen würden noch andere, denn: Von Ost nach West, in allen Zeiten: Der Mensch sucht sich selber. Und alle schreiben darüber, was das Selbst denn wirklich sei. Buddhismus, Sufismus, vedische Texte, Heidegger, Kierkegaard, Ricoeur, Jung – überall finden sich Definitionen (oder Versuche einer solchen) davon.

Wir scheinen fast besessen von diesem Selbst. Wir stellen es auf den Sockel als erstrebenswert und seinen kleinen Cousin, das Ego, möchten wir loswerden. Damit machen wir aber doch genau das, was wir nicht sollen: Anhaften. Wir sollen doch loslassen, allem voran das Ego, womit dann auch alles andere losgelassen wird, da dieses und das Streben danach am Ego hängt. Nun haften wir an der Idee dieses allem zugrundeliegenden Selbst – und: Wir wollen es unbedingt erreichen (Haben-Wollen). Und wir wollen etwas meiden, dieses alles an sich reissende, schlimme Ego (Nicht-Haben-Wollen).

Das Selbst ist unser Wesenskern, tief in uns drin ist er da und liegt allem zugrunde. Um wirken zu können in der Welt, brauchen wir aber etwas, das nach aussen dringt, das in den Kontakt mit der Welt treten kann: Unser Ego. Es ist quasi der verlängerte Arm des Selbst, sein Sprachrohr. Ab und an scheint es zu machen, was es grad lustig ist, vor allem dann, wenn es den Kontakt zum Selbst verloren hat und sich in den illusorischen Interpretationen und Identifikationen verliert. Doch es gibt immer wieder Momente, wo von tief drin das Selbst durchscheint, das Ego zum Schweigen kommt, und wir einen Blick auf das werfen können, was uns wichtig ausmacht. Meist passiert das in Situationen, in welchen wir uns etwas hingeben, mit ganzem Herzen an etwas sind, quasi selbstvergessen. Wir wollen nichts mehr sein, nichts mehr beweisen, nichts erreichen, wir sind. Wenn wir das als wirkliches Selbst erkannt haben, realisieren wir immer mehr, was wir nicht sind. Das bedeutet nicht, das Ego nun loszuwerden, es hilft aber, immer näher zu sich zu kommen, authentisch zu sein und zu bleiben, Leid durch falsche Identifikationen und damit einhergehende Enttäuschungen zu vermeiden.

Was also wirklich zählt, ist nicht ein krampfhaftes Streben nach dem Einen und ein Verdammen des Anderen. Es ist die Unterscheidung, was Ego und was Selbst ist sowie die Erkenntnis, welchen Stellenwert diese beiden haben. Es ist wichtig, zu erkennen, wer wir wirklich selbst sind und entsprechend zu handeln – als Ego. Ohne Ego wären wir in der Welt nicht lebensfähig, aber: Was wir nicht brauchen, ist dieses kleine trotzende Ich, das überall im Mittelpunkt stehen will, alles an sich reisst und einfach mal auf alles aufgrund von Mustern und Prägungen reagiert. Lassen wir es sein, was es ist: Das Sprachrohr unserer Natur, das authentisch nach aussen meldet, was tief drin vorgeht. Und so bleibt:

Erkenne dich selbst.

Und handle danach.

Schlacken – alles nur erfunden?

Eigentlich ist unser Körper ein Wunderwerk. Er reguliert sich selber, indem er heizt, wenn es kalt ist, für Ausgleich sorgt, wenn es heiss ist. Tagtäglich erneuert er Zellen, er schafft es, Nahrung in Mikroteilchen zu zerlegen, die nötigen Stoffe an ihre Zielorte zu führen und den Rest auszuscheiden. Während die Alternativmediziner schon lange von Schlacken sprechen, die sich im Körper festsetzen, und dazu auffordern, diesen regelmässig zu entgiften, schwor die Schulmedizin auf die Selbstorganisation des Körpers und negiert das Vorhandensein solcher Abfallstoffe im Körper. In den letzten Jahren kam es langsam zu einem Umdenken. Zwar ist der Körper in der Tat eine sehr effiziente und im Grunde selbstheilende Maschine, aber wir zwängen ihn in ein Leben, mit dem er nicht mehr mitkommt.

Wunderwerk Körper

Grundsätzlich ist unser Körper eine Wundermaschine, wie ihn die Medizin auch biologisch sieht: Durch ausgeklügelte (wie man denken möchte, in Tat und Wahrheit sind es biologische Gegebenheiten, die sich den Anforderungen angepasst haben) Mechanismen versteht er es, Stoffe – aus Nahrung, Luft und anderem – aufzunehmen, das Brauchbare herauszunehmen und an die Stellen zu schicken, wo es zum Einsatz kommt, den Rest auszuscheiden. Allerdings muten wir diesem Wunderwerk immer mehr zu.

Stress und Hektik lassen uns kaum durchatmen, wir essen kurz ein Brot über die Gasse zwischen zwei Terminen, sitzen sonst mehrheitlich im Stuhl und entspannen nicht in der Natur oder durch Einkehr, sondern mit einem Glas Wein und einer Zigarette. Und damit haben wir den besten Nährboden für Schlacken geschaffen: Alkohol, Nikotin, Stress, mangelnde Bewegung und Entspannung sowie falsche Ernährung lassen den Darm träge werden, lassen Gefässe langsam verkalken und überlasten die Nieren und die Leber.

Zuviel ist zu viel

Ein Zuviel auf allen Ebenen belastet. Informationen, Sinneseindrücke, Emotionen, Anforderungen, (Umwelt-)Gifte – alles prasselt auf uns ein und hinterlässt Spuren. Diese Spuren sind nicht nur im Körper zu finden, sondern auch im Geist. Damit nicht genug: Die Spuren im Geist wirken sich auf den Körper aus, die im Körper auf den Geist. So kann eine mangelhafte Verdauung nicht nur Bauchschmerzen auslösen, sondern Auswirkungen auf die Haut, die Psyche und die Stimmung haben. Umgekehrt schlagen Angst, Stress und Trauer nicht nur sprichwörtlich, sondern im wahrsten Sinne des Wortes oft auf den Magen.

Detox – mehr als ein Modewort

Man kann es kaum mehr hören, weil es in aller Munde ist: Detox. Was so spritzig daherkommt, ist nicht neu. Sogar die Medizin kannte es. Unter dem Begriff Umstimmung wurden verschiedene Methoden erwähnt, welche die natürlichen, körpereigenen Abwehr- und Selbstheilungsregulationen stärken sollten. Dass diese Methoden ab dem 19. Jahrhundert nur noch stiefmütterlich in der Fachliteratur vorkommen, mag vielerlei Gründe haben, einer davon sind sicher die Erfindungen im pharmazeutischen Bereich. Während in der östlichen Medizin die althergebrachten, natürlichen Verfahren immer noch hoch im Kurs waren, man denke an Ayurveda oder auch die Traditionelle Chinesische Medizin, setzte man in der westlichen Medizin auf allopathische Mittel. In den letzten Jahren macht sich langsam eine Kehrwende bemerkbar.

Erfahrung bringt mehr als tausend Studien

So oder so: Es mag noch so viele Studien geben, welche die Wirkung des einen oder anderen Modells belegen. Was schlussendlich zählt, ist das Gefühl des einzelnen Menschen. Wenn der sich nach einer Behandlung gut fühlt, gestärkt und mit neuer Energie aus ihr hervorgeht, dann ist das die Wirkung, die erzielt werden sollte. Und darauf kommt es an.

Werde dein eigener Erforscher

Dazu ist sicher gut und wichtig, sich über den eigenen Körper bewusst zu werden, wahrzunehmen, wie es ihm geht, wie er sich anfühlt, wo es zwickt, wo die Unwohlsein-Stellen sind. Wenn man feststellt, dass nach der Einnahme bestimmter Nahrungsmittel der Bauch immer gebläht ist, wäre die einfachste Lösung, diese einfach wegzulassen. Oft schauen wir aber nicht genau hin, sind zu wenig achtsam mit uns und unserem Körper. Wir nehmen zwar die Blähungen wahr, schlucken ein entblähendes Mittel und leben wie gewohnt weiter. Auf Dauer wird das nicht helfen, der Körper wird sich Mittel und Wege suchen, sein Anliegen deutlicher zu machen. Die Beschwerden werden dann noch plagender, die notwendige Hilfe dringender und meist umständlicher. Besser wäre es also, mit mehr Achtsamkeit sich und seinem Körper zu begegnen, um die Ursachen des Unwohlseins möglichst früh zu erkennen.

Keine Zeit für eine Detox-Kur?

Wer nun denkt, dass dies alles gut und schön sei, man auch gerne was gegen die ungesunden Lebensmuster machen möchte, aber einfach keine Zeit für eine aufwändige Kur habe, dem sei gesagt: Es gibt keine Ausreden. Mehr Achtsamkeit und ein paar Umstellungen im Alltag können schon wahre Wunder bewirken. Die Mittel dazu sind eigentlich einfach:

  • eine ausgewogene, gesunde Ernährung, die für eine Zeit den Schwerpunkt auf entschlackende Zutaten setzt
  • mehr Bewegung
  • mehr Entspannung
  • Atemübungen
  • (Selbst-)Reflexion

Mit ein wenig Übung lassen sich diese Hilfsmittel in den Alltag integrieren und helfen, nach und nach zu mehr Klarheit, Zufriedenheit, Gelassenheit und Wohlgefühl zu kommen. Nicht umsonst heisst es, dass in einem gesunden Körper ein gesunder Geist wohnt. Der letzte Punkt unserer natürlichen „Heilmittel“, die Selbstreflexion, deutet dabei schon darauf hin, dass auch auf geistiger Ebene eine Entschlackung stattfinden muss, da ein gesunder Geist auch hilft, den Körper gesund zu halten.